Interview No. 6

01.07.2014

mit Martin Bartels

 

 

Wie bist du zur Kunst gekommen?

Ich würde sagen zu Fuß.
Als Kind spielen solche Begriffe, wie KUNST, keine Rolle. Du machst einfach, was Du für richtig hältst, weil es so oder so sein muss. Und so war es auch bei mir. Ich habe einfach immer gezeichnet, gemalt, gebaut, erfunden, behauptet. Das war immer so.
Später habe ich festgestellt: genau das ist es! Es geht nur über das Machen – keinesfalls über das Wollen. Es gab einen Punkt, so gegen Ende der Schulzeit, da wollte ich Kunst machen und die Sache wurde doof. Ich hab mich gemüht und geübt und alles wurde immer schlimmer. Die Zulassung zur Kunsthochschule kam spät und erst dort hatte ich die Erkenntnis, dass eine gute Arbeit ein Geschenk ist und Kunst eine Kraft, der du respektvoll begegnen musst. Wir reden uns auch immer noch mit „Sie“ an.

 

 

Wo stehst du im Moment in deinem Leben und mit deinen Arbeiten?

Ich lerne allmählich, mich auf das einzulassen, was geschieht und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Es ist schon ziemlich anmaßend, zu glauben, dass man selber die beste Lösung parat hat. Das gilt meiner Meinung nach für Leben und bildnerische Arbeit gleichermaßen.

 

 

An welchen Projekten arbeitest du gerade?

Momentan arbeite ich an einer Reihe von Radierungen, bei denen ich einige neue Bildideen erprobe. Grafik hat für mich den Vorteil, dass sie nur bedingt steuerbar ist, und das Material mit seiner Störrischkeit dem Kalkül entgegenwirkt. Zum guten Schluss erscheint ja dann auch noch alles spiegelverkehrt, was einen sehr angenehmen Abstand zur eigenen Arbeit schafft.

 

 

Was sind deine künstlerischen Ziele?

Ziele sind für mich nur als Treibsatz interessant. Da sich die Arbeit während des Prozesses sowieso verselbstständigt, verfehle ich die „Ziele“ meistens. Das ist dann aber völlig egal.

 

 

Welche Künstler oder deren Arbeiten bewunderst du?

Bewundern. Das ist ein großes Wort. Da steckt ja auch „wundern“ drin. Ich bin immer wieder sprachlos vor Begeisterung über die Outsider. Adolf Wölfli zum Beispiel. Der hat ein gigantisches Werk hinterlassen, das über 25000 Blätter umfasst, in dem er versucht, das Universum – sein Universum – zeichnerisch, musikalisch, mathematisch, poetisch zu erfassen und zu beschreiben. Das hat eine derartige Kraft.

 

 

Was beeinflusst dich, was sind deine Inspirationsquellen?

Mich faszinieren Orte oder Gegenstände, die Zeit in sich tragen. Oder eigentlich meine ich das Gegenteil: die soviel Zeit besitzen, dass Zeit unwichtig ist.  In den Neunzigern habe ich mich viel in leerstehenden Gebäuden, Fabriken und Kasernen rumgetrieben. Da stand zum Teil noch Jahre später der Abwasch vom letzten Betriebstag rum. So etwas begeistert mich total. Stillstand! Ewigkeit!
Ich hab in dieser Zeit auch viel Material mitgenommen, von dem ich heute noch profitiere. Ganze Aktenberge, die Geschichten erzählen. Mein Atelier ist voll davon.

 

 

Gibt es etwas auf das du besonders Wert legst bei deiner Arbeit?

Die Arbeit muss intensiv sein und dann werden es die Arbeiten auch. Für mich muss die Auseinandersetzung spürbar bleiben, der Prozess, die Tage, die Monate. Selbst wenn vom Ursprung nur noch verborgene Schichten als vernarbtes Gewebe unter dem Sichtbaren zurück bleiben, bekommen die Arbeiten dadurch Magie.

 

 

Bitte beschreibe deine bevorzugte Arbeitsweise.

Oft sitze ich im Atelier und der Stift kreist in Warteschleife. Auf diese Weise entstehen viele kleine Fetzen: Aufgeschnapptes aus dem Radio oder freigelassene Gedanken, die im Laufe von Monaten, manchmal Jahren in größeren Zusammenhängen zueinander finden.
Ich arbeite viel mit Fundstücken, die ihre frühere Geschichte mitbringen. Häufig bereite ich einen Grund und lasse meinen Fundus darauf los. Meistens ergibt sich daraus ziemlich schnell ein unvorhergesehenes Thema und ehe ich mich versehe bin ich mittendrin in einer Geschichte, die sich verselbstständigt. Im besten Falle bin ich dann Zaungast meiner eigenen Arbeit.

 

 

Was ist Kunst?

Kunst ist ein merkwürdiges Geschöpf einer anderen Welt – das besonders dann auftaucht, wenn man es nicht erwartet. Man kann nichts erzwingen, allerhöchstens günstige Umstände schaffen. Kunst ist ein Geschenk – wenn man es annimmt, tritt man als Künstler in den Hintergrund.
 

 

 

Was fasziniert dich an kleinen Formaten?

Kammermusik hat neben orchestralen Werken ihren ganz eigenen Reiz.
Auf kleinen Formaten entsteht manchmal eine Frische, die auf großen Bildern schwer erreicht werden kann. Außerdem kommen sie so schön unprätentiös daher.Das kleine Format hat aber auch seinen Anspruch: Es duldet keine Beiläufigkeit und es muss jeder Ton sitzen. 

 

 

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